Tag 12

15.08.14
Da ich erst um 11 aufstehen musste, war ich heute sehr gut gelaunt. Gemütlich machte ich mich fertig, ich musste ja erst 12:45 Uhr an der Schule sein. Allerdings wurde die Zeit dann doch wieder mal knapp, denn Alina entschied sich, lieber zu Trampen als erneut im Regen mit dem Rad zu fahren. Denn ja, es regnete leider wieder nahezu den ganzen Tag, wenn auch etwas weniger als gestern. Sie borgte sich einen Schirm, ich begnügte mich mit einem Handtuch und meiner Kaputze und wir machten uns auf zum Highway. Der Regen war zum Glück in Niesel umgeschlagen.
Kurz darauf hielt neben uns eines der roten Taxis und wir stiegen auf. Endlich hatten wir uns die richtige Einfahrt gemerkt und wurden direkt abgesetzt. Rechtzeitig zum Mittagsgebet kreuzten wir an unseren Schreibtischen auf und ich konnte mich wieder mal umziehen und etwas surfen, bevor die Stunde begann. Dieses Mal handelte es sich um eine sechste Klasse.
Diese Schüler waren um einiges unkonzentrierter als die bisherigen, was die erste Stunde sehr anstrengend werden ließ. 10 Minuten nachdem ich ihnen die Aufgabe gegeben hatte, ihre Namensschild zu schreiben, hatten die Hälfte ihre Blätter gerade mal herausgekramt und gefaltet. Ich musste durch die Reihen gehen und jeden Einzelnen dazu auffordern, mitzumachen. Wieder baten mich einige darum, ihnen ihre Namen aufzuschreiben, konnten es letztendlich aber doch selber. Immer dieses Testen der Grenzen...
Hier war das Level der Schüler und auch das Alter sehr unterschiedlich. Einige konnten sich komplett ohne meine Hilfe vorstellen, anderen musste ich die Sätze einzeln vorsprechen. Bei 39 Kindern in einem Raum war es auch hier wieder kaum möglich, auf einmal von jedem Aufmerksamkeit zu bekommen. Ihre Aussprache hingegen war besser als in anderen Klassen. Dieses Klassenzimmer war U-formig aufgebaut. Es gab auch hier teilweise ganze Reihen, die sich auf ihre Tische legten. Ich kam dann zu ihnen, tippte ihnen auf die Schulter und wünschte einen guten Morgen. Danach wiederholten sie besonders laut, was ich vorsprach. Nur laut bedeutet nicht immer richtig. Ich muss mich auch immer wieder dazu anhalten, langsam zu sprechen, da die Kinder in der gleichen Geschwindigkeit wiederholen und das Gesagte dann unsauber wird.
Nachdem wir die Themen Farben, Zahlen, Körperteile und Monate getestet hatten, war die Stunde vorbei und ich freute mich auf die nun älteren und hoffentlich von der Anstrengung her leichteren Schüler. Aber nichts da, mir wurde keine Pause gegönnt.

Der Raum befand sich in einem anderen Gebäude, es handelte sich um die ältesten Schüler der Schule, quasi die 9. Klasse. Als ich ankam, hielt noch unser Lehrer für Burmesisch seinen Unterricht. Er spricht auch gut Englisch und ist mir sympathisch. Nachdem er seine Stunde beendet hatte, entschuldigte er sich für die Verzögerung, aber mir kam die kurze Pause ganz recht.
Als ich den Raum betrat, fühlte ich instinktiv zwei Dinge. Zum einen war die Klasse zu Beginn viel leiser als alle bisherigen. Jedoch erkannte ich auch die Jungen in den hinteren äußeren Reihen als Unruhefaktoren. Ich spürte auch, dass die Jugendlichen durch unseren geringen Altersunterschied meine Autorität in Frage stellen würden. Leider hatte ich nicht genug Zeit und Denkkapazität, um mich darauf einzustellen. Ich bin mir noch nicht sicher, ob das zu einem Fehler geworden ist.

Ich hatte gehofft, dass wenigstens meine älteste Klasse kein Problem damit haben würde, meine Vorstellung zu verstehen. Aber auch hier musste jemand alles was ich sagte auf Thai für die anderen übersetzen und erst, als ich mein Alter als Zahl an die Tafel schrieb, verstanden sie.
Vom Arbeitstempo her waren sie natürlich schneller, jedoch musste ich mal wieder durch die Reihen gehen und die Schüler einzeln ansprechen, vor allem die Jungen, bevor wirklich jeder endlich seinen Namen geschrieben hatte. Wie schwer kann es denn sein...
Auch hier musste ich feststellen, dass das Level sehr unterschiedlich ist und die guten den schlechteren Schülern vorsagen. Dann versuche ich jedes Mal klarzustellen, dass der aufgerufene Schüler die Aufgabe allein bewältigen kann, aber das ist natürlich schlecht zu verstehen, wenn ich es auf Englisch sage.
Nach einer viertel Stunde Unterricht schlug die bisherige Ruhe nach und nach in Unruhe um. Nachdem ich einem Mädchen erlaubt hatte, auf Toilette zu gehen, verließen im Laufe der Stunde vereinzelt andere ebenfalls das Zimmer, waren aber so schnell, dass ich nichts dagegen tun konnte. Am Ende der Stunde war das Klassenzimmer um einiges leerer als noch am Anfang. Das hat nichts mehr mit thailändischer Lockerheit zu tun.
Ich konzentrierte mich auf den Unterricht. Hier brachte ich die Wochentage mit ein, sowie das Datum und Geburtstage. Danach arbeitete ich zum ersten Mal mit dem Buch. Ich hatte es mir heute früh angeschaut, da mir schon klar gewesen war, dass ich mich in den älteren Klassen nicht lang mit Farben und Zahlen aufhalten könnte. Jedoch konnte ich mir beim Betrachten der Übungen nicht vorstellen, dass die Schüler die Aufgaben verstehen würden. Und wenn sie es könnten, dann wäre das eine positive Überraschung. Das war natürlich nicht der Fall.

Ich wählte zwei Schüler aus, die in verteilten Rollen einen Dialog vorlesen sollten. Zu Beginn las nicht der von mir erwählte Schüler, sondern einfach sein Banknachbar. Ich musste mehrmals wiederholen, dass nicht er, sondern der andere lesen sollte. Jener war nämlich um einiges schlechter. Er stellte jedoch trotzdem seine Partnerin in den Schatten, die sich am Anfang nicht traute, laut vor der Klasse zu sprechen. Nach Ermunterung meinerseits und von ihrer Freundin, las sie endlich vor. Ihre Aussprache war grottenschlecht und sie war sehr langsam. Als ich verstand, dass die Übung so Ewigkeiten dauern würde, unterbrach ich die beiden. Nach Thailändischer Art las ich die Sätze einzeln vor, die langen unterteilte ich. Die Schüler sprachen nach und ich lief durch die Reihen, um die Faulenzer zu erwischen. Nach dieser Generalprobe versuchten sich meine beiden Kandidaten erneut und siehe da, es klappte schon etwas besser.
Da wir noch Zeit hatten, wählte ich zwei neue Schüler aus, sprach aber den nächsten Dialog von Anfang an der ganzen Klasse vor. Nun wiederholten die beiden ihre Rollen, auch hier musste ich oft Aussprache und Betonung korrigieren. Aber dafür bin ich ja immerhin da.
Vom Stoff her war die Stunde recht erfolgreich, aber es wird schwierig, meine Autorität zu wahren, zumal wenn die Kinder bemerken, dass mir nie jemand beigebracht hat, wie man in Thailand (und nebenbei auch in Deutschland) unterrichtet.

Das Besondere an dieser Situation für die Schüler ist, dass sie meine Art Unterricht nicht wirklich gewohnt sind. In einer Klasse waren die Kinder erstaunt, als ich mich vom Lehrerstuhl erhob, um durch die Reihen zu gehen. Sie kennen es nicht, dass sich der Lehrer zu den Schüler stellt, sie direkt anschaut und den Kontakt sucht. Die hinteren Reihen müssen ihr Schema verlassen, dass sie ungestört schlafen können, weil es von vorn nicht auffällt und sich daran gewöhnen, dass ich plötzlich hinter ihnen stehe und sie auf frischer Tat ertappe. Nebenbei bemerkt ist es auch für mich ganz einfach abwechslungsreicher und spannender, das Klassenzimmer aus einer anderen Perspektive, eben zum Beispiel von hinten zu sehen. Außerdem macht mir an der ganzen Sache immer noch der Dialog mit den Schüler am meisten Spaß. Deswegen habe ich ihn von Anfang an gesucht.
Wie ich auch bereits geschrieben habe, werden sie nur selten aus der Gruppe gerissen und müssen Einzelleistung vollbringen. Zur Zeit wehren sie sich noch etwas widerwillig gegen meine Form des Unterrichtens, was das Ganze äußerst anstrengend macht. Aber wenn ich meine Sache gut mache, dann kann ich erreichen, dass sie aus ihren alten Gewohnheiten ausbrechen, ihren Vorteil daran erkennen und die Gelegenheit ergreifen, ein Jahr lang mit einer Fast-Muttersprachlerin zu kommunizieren. Ich hoffe, diese Lorbeeren lassen nicht mehr lange auf sich warten.

Nach dem Ende meines Unterrichtes begab ich mich an meinen Schreibtisch und nutze noch etwas das freie Internet. Danach machte ich mich auf den Heimweg, in der Schule wurde gerade das Gebet zum Ende der Woche abgehalten. Zumindest vermute ich, dass es das war.

Da wir heute morgen ja getrampt waren, Alina aber eine Stunde eher aus gehabt hatte, wollte ich nach Hause spazieren. Bis zum Highway und über eine Fußsgängerbrücke schaffte ich es auch, doch dann machte mir das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Zum Glück hielt gleich ein Motorradtaxi. Das Problem war nur mal wieder, dass der Fahrer kein Englisch sprach. Ich nannte ihm wieder die Best Bar als Anhaltspunkt und zeigte in ihre Richtung, aber er kannte sie offenbar nicht. Er ging mit mir in einen Laden, vor dem er geparkt hatte und suchte jemanden mit Englischkenntnissen. Ein Junger Mann fragte mich also nach meinem Ziel, doch wieder konnte ich ihm nur die Best Bar nennen, das ich die Adresse unseres Hauses nicht kenne und das dem Fahrer eh nichts gesagt hätte. Letztendlich verstand der Fahrer, wie ich dachte, und wir fuhren los. Ich steh übrigens auf Motorräder, habe ich festgestellt.
Nach einer kurzen Fahrt in die richtige Richtung, wechselte der Fahrer plötzlich auf die andere Straßenseite und fuhr zurück. Er hielt vor dem Immigartioncentrum. Ich machte ihm gestikulierend klar, dass wir noch etwas weiter die Straße lang hätten fahren müssen. Inzwischen war der Regen sehr stark geworden und mein Fahrer zog dich genervt einen Poncho über und reichte mir einen kleinen Schirm. Dann fanden wir endlich den richtigen Weg, wegen der ganzen Umstände musste ich dann aber 60 Baht bezahlen. Ich war aber zu müde zum Handeln, also beließ ich es einfach dabei. Zu Hause aß ich mal wieder viel zu viel und ging dann duschen. Viele von uns machten sich übers Wochenende auf den Weg nach Chiang Rai und Chiang Mai zu den anderen Freiwilligen. Mit mir sind fünf zu Hause geblieben. Ich setzte mich zum Nachmittag noch einmal in die Bar und fuhr zum Essen nach Hause. Abends schauten wir noch den Film „Bube, Dame, König, Gras“, den ich recht gut fand. Dann radelte ich noch einmal vor die Best Bar, konnte mich aber nicht rein setzten, weil ich kein Bargeld mehr hatte.
Der Tag heute war abwechslungsreich, jedoch auch leicht ernüchternd, da der Unterricht nicht ganz so geklappt hat, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich kann nur hoffen, dass die Schüler nun keine vorgefertigte Meinung von mir haben und glauben, mir auf der Nase herumtanzen zu können.

Wir haben ja in der 10. Klasse die fünften unterrichtet und ich weiß noch, wie es mir damals im Unterricht erging. Es ist interessant, den Unterschied jetzt zu sehen. Früher war ich unheimlich aufgeregt und meiner selbst nicht sicher. Aber ich bin nun zwei Jahre älter und vieles ist geschehen. Ich weiß, dass ich noch so manches verbessern werde und erst mit der Zeit wissen werde, wie ich am besten mit den verschiedenen Situationen umgehen kann. Aber trotzdem kann ich sagen, dass ich mich viel sicherer fühle und keine Nervosität mehr verspüre. Das ist schon mal eine große Hilfe, weil man sich dann auf das Wesentliche konzentrieren kann und nicht auch noch auf seine eigenen Gefühle.
Die Zeit wird zeigen, wie sich die Sache entwickelt.

17.8.14 13:03

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