Tag 11

14.08.14
Ich erwachte mies gelaunt, das graue und regnerische Wetter draußen besserte meine Stimmung nicht. Trotz neun Stunden Schlaf fühlte ich mich schlapp und hatte ehrlich gesagt keine große Lust auf den Schulalltag. Aber ich raffte mich auf und machte mich fertig. Als Alina und ich das WG-Gelände verließen, regnete es immer noch. Und es sollte auch den ganzen Tag nicht aufhören. Ich hatte mir extra ordentliche Wechselsachen eingepackt, denn einen Regenponcho besitze ich nicht. Auf dem Highway stellten wir fest, dass wir nicht mehr wussten, wo sich die Einfahrt zur Straße unserer Schule befand. Der Regen wurde stärker, mir lief das Wasser während der Fahrt übers Gesicht. Wir mussten einmal bei einer Behörde anhalten, ich zeigte einer Frau mein T-Shirt mit dem Namen unserer Schule und uns wurde ein ungefährer Weg angedeutet. Wir fanden letztendlich auch die Einbiegung, ein großes Schild zeigte sogar unser Ziel an. Die letzten Meter den Berg hoch waren dann auch keine Aktion mehr. Es war etwas peinlich, pitschnass auf das Schulgelände zu fahren, aber eine Wahl hatten wir ja nicht.
Gegen Ende unseres Abenteuers am Morgen musste ich ziemlich lachen, da das ganze recht klischeehaft war. Der erste Tag an einer neuen Schule und wir verfahren uns in einem einem fremden Land bei Starkregen... Wie aus einem Roman, meint ihr nicht? Hätte nie gedacht, dass mir so was mal passieren würde. Aber in Thailand ist halt alles anders, als geplant.
Im Lehrerzimmer zog ich mich schnell um, ordnete meine Haare, konnte noch etwas im Internet surfen und machte mich dann auf in meine erste Stunde. Es handelte sich um die letzte Klasse der Grundschule, was in etwa unserer sechsten Klasse entspricht. Und jetzt im Nachhinein muss ich leider feststellen: Ich kann mich nicht mehr an die Klasse im Speziellen erinnern! :D
Ich hatte heute vier Unterrichtsstunden. Am Vormittag eine, danach drei Stunden Pause mit Mittagessen, und darauf hin ein Marathon von drei Stunden ohne Pause, zwei davon in vierten Klassen, eine in einer fünften. Deswegen verschwimmen die Bilder, Geräusche und restlichen Eindrücke. Die fünfzig Minuten am Morgen waren schnell vorbei, soviel weiß ich noch. Und ich habe zum ersten Mal die Sätze, die die Kinder nachsprechen sollten, als Gedankenstütze an die Tafel geschrieben, die Idee kam mir gestern. So verbessert man den Unterricht von Tag zu Tag und lernt aus seinen Erfahrungen.
In den drei Stunden Pause entspannte ich und schrieb mit der Heimat. Mit meinem Lappi komme ich komischer Weise nicht ins Internet, obwohl der WLAN-Schlüssel richtig ist. Gegen halb 12 machten sich Alina und ich auf, um uns etwas zu Essen zu suchen. Wir schauten als erstes in der Cafeteria vorbei. Ein Tisch wurde uns von den Schülern freigeräumt, doch da keine anderen Lehrer zu sehen waren und wir ja die 50 Baht Budget haben, entschieden wir uns für eine kleine Entdeckungstour durch den Regen. Zum Glück hatten wir zuvor von einer Lehrerin Regenschirme geliehen bekommen, aber die Straßen waren Bäche, von daher blieben wir trotzdem kaum trocken. Letztendlich fanden wir einen Laden mit leckerem Essen und konnten vor dem Wasser fliehen. Auf dem Rückweg verliefen wir uns schon wieder, wir waren einfach viel zu weit an unserer Einbiegung vorbei gelaufen. Also kehrten wir wieder um und stiefelten den Berg zu unserer Schule hinauf. Wieder konnte ich nur einige Minuten trocknen, bevor mein dreistündiger Marathon begann.
Ich passte mich schnell an das Level meiner Viertklässler an, sie brauchten etwas länger für alles und waren nicht so leicht zum Reden zu bewegen. Doch wie alle anderen auch, schrien sie dich in der Gruppe wortwörtlich an. Dieses Mal entdeckte ich Plakate in den Räumen, die ich zum Zeigen der Farben und Monate nutzen konnte. Das Spiel mit den Zahlen wurde den Meisten schnell langweilig, also hieß es wie immer improvisieren.
Meine erste Stunde am Nachmittag verwirrte mich am Anfang sehr. Gerade hatte ich meinen Schirm abgestellt und wollte das Gebäude betreten, da kamen mir zwei Mädchen entgegen, die mich zu meiner Klasse führen wollten. Sie schnappten mir meinen Stundenplan weg, nahmen mich bei der Hand und führten mich nach oben. Widerstand war zwecklos. Jedoch erwartete uns ein verstörender Anblick: Das Zimmer war leer bis auf zwei Jungen. Die Mädchen sprachen nicht viel Englisch, halt das normale Level wie alle meine anderen Schüler auch. Dass sie trotzdem versuchten, mir zu helfen, machte sie mir sehr sympathisch. Es stellte sich heraus, dass meine Klasse sich in der Bibliothek ein Haus weiter befand. Dorthin führten mich die Mädchen.
In der Bibo traf ich die Lehrerin, mit der ich gestern Essen gewesen war, eine Freundin von Kruu Bill. Sie sprach aber nur wenig Englisch, wir mussten uns mit Händen und Füßen verständigen, wie immer. Ich verstand, dass die Kinder in ihrer letzten Stunde in der Bibo gearbeitet hatten und ich sie nun einfach wieder zurück in ihr Klassenzimmer scheuchen musste. Das übernahm dann aber die Frau für mich auf Thai und die Kinder gehorchten.

Diese und die letzte Klasse waren sehr unkonzentriert. Es dauerte ewig, bis ich jeden Einzelnen dazu bewegen konnte, ihre Namensschilder zu basteln. Manche wussten auch nicht, wie sie ihre Namen auf Englisch schreiben sollten. Ich bin mir nicht sicher, ob sie nicht einfach nur gelogen haben, um es sich einfach zu machen. Denn sie nannten mir dann ihre Namen und ich schrieb sie in etwa in unseren Buchstaben auf. Wenn aber wirklich Kinder der vierten und fünften Klasse ihre Namen nicht auf Englisch schreiben können... Dann habe ich eine Menge Arbeit vor mir. Aber die habe ich ja sowieso schon...
Irgendwie füllte ich die sechzig Minuten, die jede Stunde am Nachmittag dauert. Bei der letzten Klasse ging mir eine viertel Stunde vor Schluss die Luft aus und ich musste mir noch schnell ein neues Spiel ausdenken. Als mir das klar wurde, drehte ich mich kurz zur Tafel, atmete tief ein und aus und sagte zu mir selbst: „Sabine, sei kreativ!“ Und das war ich dann überraschender Weise auch.
Der ganze Tag ging mir ziemlich auf die Stimme. Da die Kinder nie komplett ruhig sind, muss man immer laut reden bis schreien, um alle zu erreichen. Beim Singen merkte ich dann schon, dass meine Stimme brach. Aber noch ist es aushaltbar.
Nach dem Unterricht kamen einige Kinder, umarmten mich oder schüttelten meine Hand. Ich versuche, in der Stunde immer freundlich zu sein, zu lächeln und zu loben. Ich glaube, das funktioniert auch ganz gut. Aber wenn es die Jungs mal gar nicht schaffen, still zu sitzen oder den Mädchen Dinge klauen, dann kann sich mein Gesichtsausdruck auch ganz schnell ändern.
Bei „Head and Shoulders“ holte ich mir in den letzten beiden Klassen jedes Mal einen Jungen nach vorn, der entweder kaum mitgearbeitet hatte, oder mir in der Stunde anderweitig negativ aufgefallen war. Beide Male weigerten sich die Jungen zuerst. Da hieß es nun meine Autorität gegen ihre Sturheit. Ich setzte mich durch, beide Male. Es dauerte zwar, aber die Jungen merkten auch den Druck der Klassenkameraden, die ja endlich los singen wollten. Beide „Opfer“ behandelte ich freundlich und vor der Klasse beim Tanzen machte es ihnen dann doch auch wieder Spaß. Das ist mir wichtig – niemand soll sich bloßgestellt fühlen, alles soll sanft von statten gehen, mit viel Lob und positiven Gefühlen. So kann ich die Kinder für mich öffnen und sie dazu bringen, mehr zu reden und mir zu zeigen, was sie können. Denn wenn ich ehrlich bin: Ich glaube wirklich, dass sie so einiges drauf haben. Sie müssen es nur zeigen wollen. Und dazu will ich sie bringen.

Der Regen machte eine kurze Pause, gerade lang genug für unseren Heimweg. Ich machte noch Stopp bis um 6 im Internetcafe, fuhr dann nach Hause um zu essen – meine Mittags- und Abendessensportion und das Abendessen eines anderen Mädchens. Ja, ich hatte Hunger!
Meiner Stimme geht es wieder besser, nur meine Beine sind unheimlich schwer und meine Augen fallen mir zu. Morgen habe ich erst nach dem Mittag zwei Stunden, nach dem Marathon heute kommt mir das wie ein Klacks vor. Da ich die gleiche Stunde von Aufbau und Inhalt her nun bereits sechs Mal gehalten habe, muss ich auch nichts weiter vorbereiten. Aufgeregt war ich übrigens nie, dafür war gar keine Zeit, weil alles Schlag auf Schlag ging. Direkt in eine Situation hineingeworfen zu werden, bin ich also inzwischen gewöhnt und langsam weiß ich auch, dass man sich in Thailand auf nichts komplett verlassen sollten, da es doch immer anders kommt.

15.8.14 12:52

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Tomas (15.8.14 17:56)
Zu lange texte zu ausführlich zu viele Rechtschreibfehler und du als Lehrerin

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