Tag 9

12.08.14
Sehr unausgeschlafen erwachte ich gegen 10:15 Uhr und zog mich für unseren Kirchenbesuch thailändisch-keusch an. Da die Gemeinde auf dem Weg zur Best Bar lag, war uns die Strecke gut bekannt. Hinter einem Tor befand sich auf der linken Seite der Essensbereich, wieder mal eine überdachte Terasse. Rechts von uns befand sich in einem flachen Gebäude der Gebets- und Versammlungsraum. Wir zogen unsere Schuhe aus und wurden von einer älteren Frau auf Englisch begrüßt. Im Raum selbst hatten sich die Gemeindemitglieder in einem Stuhlkreis gesetzt, der nur durch uns erweitert wurde. Das Alter der Menschen war durchmischt, es waren Kinder wie auch Alte anwesend. Nach einer kurzen Ansprache hielt die Frau eine Predigt, welche immer wieder durch die Zuhörer mit „Halleluja“ und „Amen“- Rufe unterbrochen wurde. Vor allem eine Frau, die sich später als die Besitzerin herausstellte, war ganz Feuer und Flamme und schrie quasi ihren Glauben heraus. Nach dieser emotionalen Phase folgte, anlässlich des Muttertages, die Übergabe von Geschenken an die Mütter der Gemeinde. Ich kam mir ein bisschen vor, wie an Weihnachten. Die Pakete werden natürlich nicht vor allen geöffnet, sondern später, im Privaten, falls das Geschenk nicht den Geschmack der Mutter trifft. Danach verließen die Thais den Raum, nur wir Falance blieben zurück und machten den Kreis enger. Die Predigerin und ein weiterer Mann, mit nur noch einem Zahn und rot unterlaufenen Augen, erklärten uns einige Dinge und fragten uns aus. Die Predigerin lebt eigentlich in Chiang Mai, hat dort seit 4 Jahren eine christliche Kirche aufgebaut, die nun an die 200 Mitglieder hat. Sie lud uns natürlich ein, ihre Kirche zu besuchen, falls wir einmal in Chiang Mai sein sollten. Als nächstes fragte sie in die Runde, wer alles christlich sei. Wir waren zu neunt, drei unserer Jungs waren zu Hause geblieben. Alle meldeten sich, nur ich blieb still sitzen. Die Predigerin, ich kann mich wirklich nicht an ihren Namen erinnern, schaute mich nun interessierter an, währends sie zuvor eher in die andere Richtung geblickt hatte. Die anderen meinten zu mir auf Deutsch, dass die Thais nicht verstehen, wenn man keinen Religion hat und ich doch einfach so tun soll, als ob, so wie einige von ihnen auch. Doch da war es erstens schon zu spät und zweitens kann es auch nicht der Sinn sein, bei so einer Frage zu lügen. Wenn sie sie schon stellt, dann muss sie auch mit der Wahrheit rechnen. Und ich ebenso mit ihrer Reaktion, die aber nicht weiter schlimm ausfiel. Sie erklärte mir kurz, was Jesus für die Menschen der Gemeinde bedeutet, sprach dann aber wieder die gesamte Gruppe an. Sie war wohl der Meinung, dass wir auf Mission in Thailand unterwegs waren. Da sie nicht ständig in Mae Sai sein konnte, bat sie uns, an ihrer Stelle an unseren Schulen im Rahmen des Unterrichtes die christlichen Werte an die überwiegend buddhistischen Thai-Kinder weiterzugeben. Wir konnten nur höflich lächeln und nicken, Widerspruch hätte keinen Sinn gehabt. Der Mann lud uns ein, jeden Sonntag um 10 Uhr zur Predigt zu erscheinen und am Nachmittag den Erwachsenen der Gemeine Englisch bezubringen. Im Gegenzug würden sie uns Thai unterrichten. Danach gab es Essen, Nudelsuppe mit Fleisch für die anderen, für mich mit Brühe, Zitronengrastee und als Dessert Früchte und gebackene Bananen mit Kokos. Hört sich lecker an? War es auch!

Nach einem Gruppenfoto wurden wir verabschiedet und liefen den kurzen Weg nach Hause. Jedes Mal, wenn wir nun zu unserer WG gehen, können wir theoretisch bei der Gemeinde reinschauen und kostenloses Essen bekommen. Die Menschen dort waren freundlich und ich war froh, endlich Kontakt mit Einheimischen zu haben. Außerdem lag dem ganzen so ein Flair von Familie und Gemeinschaft bei. Ich werde vielleicht sonntags mal beim Englischunterricht vorbei schauen, aber falls sie versuchen sollten, mich zu bekehren, werde ich klipp und klar sagen, dass Religion im Klassenzimmer bei mir nichts zu suchen hat. Mal sehen, ob das was wird.

Zu Hause aßen wir noch unser Mittagessen, danach war ich unheimlich satt. Ich holte noch etwas Schlaf von letzter Nacht nach und begab mich dann auf dem Rad ins Internetcafe, wo bereits einer unserer Jungs skypte. Da wir von der Gemeinde abends auf ein Fest zur Feier der Königin eingeladen waren, fuhr ich 17 Uhr wieder nach Hause, zog mich wieder keusch an und lief dann mit den anderen zum Highway. Wir schafften es, einen Pick-up zum Anhalten zu bewegen, der uns zu einem großen, wie ich später herausfand, Parkplatz fuhr. Nach dem Aussteigen viel mir zuerst auf, dass fast alle Besucher das gleiche Modell eines blauen Poloshirts trugen. Blau ist die Farbe der Königin, ich kam mir in meinem schwarzen Kleid etwas unpatriotisch vor. Um den Platz herum waren Straßenstände aufgebaut und auf einer Bühne wurden thailändische Tänze aufgeführt. Da es aber kein wirkliches Programm gab und alle Ansagen auf der Bühe auf Thai waren, langweilten wir uns etwas, nachdem alle Stände abgelaufen waren. Lange stehen konnten wir auch nicht mehr, also setzten wir uns vor eine Statue auf Treppenstufen. Dann machten wir eine... ungewöhnliche entdeckung: Links von uns wurden auf einem Fernseher Youtube-Videos über Geburten gezeigt... Kaiserschnitt, sowie natürliche Geburt, natürlich alles auf maximalem Zoom. Das war wirklich etwas verstörend... Aber gehört natürlich auch zum Muttetag dazu! Sowieso konnten wir viele junge Familien auf dem Platz beobachten. Allerdings wurde uns bald sehr langweilig, weil wir einfach nicht wussten, was den Abend über noch passieren würde. Wir hatten gesehen, dass die meisten der Besucher Kerzen in der Hand hielten, die allerdings waren diese noch nicht angezündet. Wir holten uns auch welche, wussten aber nicht, wozu. Als es dunkel wurde, entschieden wir uns, wieder nach Hause zu trampen. Wir befanden uns bereits auf der anderen Straßenseite, da bemerkte einer von uns, dass auf dem Platz vor der Bühne die Kerzen entzündet wurde. Schnell liefen wir wieder zurück und stellten uns in die Menge. Das Lichtermeer konnte ich leider nicht unbedingt genießen, da ich zu klein bin, aber ich konnte es mir gut vorstellen. Nach der Nationalhymne wurde noch ein weiteres Lied gespielt, das wirklich jeder Thai auf dem Platz mitsang. Die Stimmung wurde durch den Gesang und die Kerzen magisch. Doch das war noch nicht das Beste: Nachdem das Lied geendet hatte, erlebte ich das unglaublichste, und zugleich kürzeste Feuerwerk meines Lebens. Es ist nicht gelogen, dass die Asiaten Meister der Farben sind. Ein einziger Feuerwerkskörper hatte eine Reichweite, die den gesamten Himmel erfüllte. Es ist schwierig, so etwas zu beschreiben. Auf jeden Fall war es atemberaubend.

Normalerweise beginnen die Festlichkeiten in Deutschland so richtig erst nach dem Feuerwerk. In Thailand hören sie damit auf. Aber Komplett. Kaum waren die letzten Lichter am Himmel erloschen, schon drehten sich die Besucher um, pusteten ihre Kerzen aus und gingen zu ihren Motorrollern. Wir waren von diesem plötzlichen Abbruch der tollen Stimmung verwirrt, aber auch etwas froh, endlich nach Hause gehen zu können. Wir liefen die ganze Strecke zurück, und das war auch eine gute Entscheidung, denn wie der Zufall es wollte, trafen wir einen anderen Falance.
Kurz vor der Einbiegung zu unserer Straße hielt ein Roller neben uns mit zwei Menschen darauf. Einer von ihnen begrüßte uns mir „GERMANY!“. Es war ein Australier, den einer von uns bei der Wäschetrommel auf unserer Straße kennengelernt hatte. Er erzählte uns, dass sich direkt neben unserem Haus ein Zentrum war, quasi eine Wohngemeinschaft, in der Burmesen Englisch und Thai lernen konnten. Er meinte auch, dass dort eine andere Australierin unterrichtet, von der wir uns Tipps für die Schule holen könnten. Außerdem konnten wir jederzeit vorbei schauen, mit den anderen Anwesenden Net Ball spielen oder am Thai Unterricht teilnehmen, der jeden Tag von 2:30 Uhr bis 3:30 Uhr stattfand. Wenn wir also einmal Zeit finden und dort vorbei schauen, haben wir somit schon Verbindungen in der Nachbarschaft zur Gemeinde und zum Englisch-Lern-Zentrum, wie ich es jetzt einfach mal nenne.
Da wir am nächsten Tag früh zu unseren Schulen gehen würden, ging ich etwas früher als die anderen schlafen.

Das Fest an sich war also am Anfang langweilig und nur zum Schluss recht legendär. Aber dass wir den Australier kennengelernt haben, war ein schöner Zufall. Ich bin gespannt, was der morgige Tag bringen mag.

14.8.14 13:15

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